Die Inklusionsrichtlinien der Amazon Studios – Gut gemeint ist nicht immer gleich gut gemacht

Weltbewegendes

Vor etwas mehr als einem Jahr ging ein Aufschrei durch die internationale Filmwelt. Amazon Studios hatte neue Inklusionsrichtlinien herausgegeben. Was sehr gut gemeint schien, zog aber Kritik über Kritik nach sich und ging völlig nach hinten los. Wir, als Team von DITS, haben uns Inklusion ja ganz groß auf die Flagge geschrieben und haben uns sowohl deshalb, als auch aufgrund der Tatsache, dass Dancing In The Shadow ja bei Amazon Prime Video veröffentlicht werden soll, nun einmal mit den neuen Richtlinien befasst und uns eine Meinung gebildet.

Ist denn wirklich die gesamte Inklusionsrichtlinie schlecht?

Zunächst einmal die positive Seite: Immerhin hat sich Amazon Studios überhaupt Gedanken um Inklusion in seinen Produktionen gemacht. Die meisten anderen Studios tun das nicht. Man muss Amazon Studios also auf jeden Fall schon mal guten Willen zusprechen. Auch wenn die “Inclusion Policy” von den meisten Kritikern nur so zerrissen wurde, ist trotzdem nicht alles daran so negativ, wie es aktuell klingen mag. Ja, in einigen Punkten haben sich die Amazon Studios verrannt und aus guten Intentionen wurde das genaue Gegenteil, aber stückweise sind die Ansätze dazu gar nicht mal so falsch.

Während man im Internet fast ausschließlich negative Kommentare zu den Richtlinien findet, die aber leider immer nur einen Teil des Dokuments beleuchten (das aber zugegebenermaßen auch ziemlich problematisch ist), bleiben die positiven Stimmen eine Seltenheit. Umso mehr hat es uns gefreut, dass wir bei der Recherche auf den Podcast “MussManSehen” gestoßen sind, denn die beiden Jungs, die diesen betreiben, haben sich die Mühe gemacht, die gesamte Policy durchzuexerzieren und sind dabei zu einem doch gar nicht so negativen Ergebnis gekommen. Und während DITS natürlich vollkommen für Inklusion eintritt und uns die negativen Punkte schon sehr erschreckt haben, möchten wir uns selbstverständlich trotzdem eine differenzierte Meinung bilden, über nichts vorschnell urteilen und den Versuch, die Filmwelt inklusiver und diverser zu gestalten, definitiv würdigen.

Ein genauerer Blick in den umstrittenen Teil

Was steht jetzt aber genau in der Richtlinie drin? Kommen wir doch direkt zum meistumstrittenen Punkt der gesamten Policy. Darin steht nämlich:

“It is our intention, whenever possible, to cast actors in a role whose identity aligns with the identity of the character they will be playing (by gender, gender identity, nationality, race/ethnicity, sexual orientation, and disability) and in particular when the character is a member of an underrepresented group/identity”.

Klingt ja auf den ersten Blick ganz positiv und durchaus nach gut gemeinter Inklusion. Gender, Gender Identity und Disability sind ja noch irgendwie nachvollziehbar. Wie oft kommt es schon vor, dass ein Mann eine Frau spielt oder umgekehrt? Und dass nicht-binären SchauspielerInnen, Transmenschen oder Behinderten die oft wenigen Rollen weggenommen werden sollten, die ihnen überhaupt zur Verfügung stehen, sollte doch auch irgendwie selbstverständlich sein. Bei Nationality fangen dann schon die ersten Fragen an. Wie eng sind da die Grenzen gesetzt? Dürfte jetzt wirklich ein australischer George Lazenby nicht mehr den britischen James Bond spielen? Sicherlich ist die Richtlinie zu einem gewissen Grad sehr sinnvoll, aber eventuell sollte sie noch etwas genauer definiert werden.

Wenn die Inklusionsrichtlinien zu Exklusion führen

Und dann kommen wir zum großen Problemkind der Richtlinie: Sexual Orientation. Wieso um alles in der Welt soll jetzt nur noch ein Homosexueller einen Schwulen spielen und nur noch eine nicht-lesbische Frau eine Heterosexuelle? Wie steht es da um bisexuelle SchauspielerInnen? Im Jahr 2021, aus dem die Richtlinie ja stammt, sollte es für einen Job doch völlig irrelevant sein, welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat. Natürlich wird sich eine heterosexuelle Person niemals zu 100% und vollkommen in eine homosexuelle Rolle hineinversetzen können. Das ist ja auch ganz logisch, schließlich hat sie einfach andere Erfahrungen im Leben gemacht. Aber lebt genau davon denn nicht der Beruf der Schauspielerei? Sich in andere Charaktere hineinversetzen zu können und diese trotzdem authentisch darstellen zu können?

Und das größte Problem an der ganzen Sache? Die Richtlinie zwingt die Menschen ja geradewegs dazu, sich vor einem Casting zu outen, um eine Chance zu haben, die Rolle zu bekommen. Und so traurig das auch ist – unsere Gesellschaft ist leider noch immer nicht inklusiv genug, als dass jede(r) so einfach die Möglichkeit hätte, frei über seine oder ihre Sexualität zu sprechen. Sicherlich hat es Amazon Studios auch hier gut gemeint, dennoch sollte es im Punkt “Sexuelle Orientierung” eher darum gehen, dass niemandem aufgrund seiner/ihrer Sexualität ein Job verwehrt wird, nicht andersherum. Erst wenige Monate vor Veröffentlichung dieser Richtlinien hatten sich viele SchaupielerInnen zur #ActOut-Bewegung zusammengeschlossen und waren dafür eingetreten, dass sich die eigene Sexualität nicht auf den Beruf auswirkt. In diesem Zuge hatten sich viele von ihnen zum ersten Mal geoutet. Ein sehr mutiger, progressiver und wichtiger Schritt in Richtung Diversität und Inklusion. Amazon Studios macht in diesem Bereich durch seine Richtlinie nun leider wieder drei Schritte zurück.

Eine Gefahr für die Kunstfreiheit?

Eine ziemlich negative Stimme, die eine ganz andere Frage in den Diskurs wirft, ist die von Wolfgang M. Schmitt aka “Die Filmanalyse” auf YouTube. Er bringt im Zuge dieser Richtlinie die Kunstfreiheit mit ins Spiel und hinterfragt, welche Zukunft denn eigentlich der Beruf des Schauspielers noch habe, wenn doch alle Rollen möglichst “authentisch” besetzt werden sollen. Schließlich geht es beim Schauspiel doch genau darum, sich eines anderen Charakters anzunehmen, sich in diesen hineinzuversetzen und die Rolle möglichst überzeugend zu spielen. Wenn jetzt jeder nur noch für Rollen gecastet wird, die der eigenen Identität besonders ähnlich sind, geht es doch eigentlich gar nicht mehr um gutes Schauspiel. Wolfgang M. Schmitt bringt es auf den Punkt und schöner kann man es eigentlich gar nicht ausdrücken:

“Kunst bedeutet, dass auch jeder alles sein kann. Schauspielerei bedeutet, dass alle Alles spielen können. Kunstrezeption bedeutet, dass ich mich in Figuren wiederfinden kann, die nichts mit meiner eigenen Identität zu tun haben.”

Amazon Studios macht dennoch Schritte in Richtung Inklusion

Trotz dieser wirklich negativen Punkte, kann man Amazon Studios aber dennoch etwas Positives zusprechen. Die Inklusionsrichtlinie fordert nämlich nicht nur Authentizität, sondern will durch Quoten auch die Diversität vor und hinter der Kamera fördern. So sollen, soweit im Rahmen der Story plausibel, mindestens eine queere Person, eine Person mit Behinderung und drei Personen aus unterrepräsentierten Gruppen eine Sprechrolle bekommen. 50% derer sollen außerdem von Frauen besetzt werden. Eine Quote, die in einem modernen Film in der heutigen Gesellschaft eigentlich leicht zu erfüllen sein sollte. Oben drauf gibt es dann noch Anhaltspunkte für die generelle Geschlechter- und Ethnienverteilung für Cast und Crew. So mancher Produzent mag sich von den ganzen Zahlen zwar womöglich erst einmal erschlagen fühlen, aber hier geht Amazon Studios trotzdem definitiv einen Schritt in die richtige Richtung.

Bis 2024 möchte Amazon Studios außerdem bei jeder Produktion mit einem Protagonisten aus einer unterrepräsentierten Gruppe mindestens die Hälfte der Regisseurs-, Drehbuchautoren-, Filmemacher- und Produzentenjobs mit Menschen aus ebendiesen Gruppen besetzen. Können diese Quoten vor und hinter der Kamera nicht erfüllt werden, fordert Amazon Studios von den Produzenten eine Rechtfertigung und einen Bericht über die Anstrengungen, die unternommen wurden, um den Quoten gerecht zu werden.

Wird das auch so durchgesetzt, klingt das doch eigentlich sehr vernünftig. Und zudem steht über allem durchgehend die Devise “The story comes first”. Wir müssen uns also keine Sorgen machen, dass zum Beispiel historische Filme nun unglaubwürdig werden, weil die Produzenten krampfhaft versuchen, irgendwelche Quoten zu erfüllen.

Der Versuch zählt

Alles in Allem hat Amazon Studios also schon ganz gute Ansätze geliefert und die Inklusionsrichtlinien sind bei Weitem nicht so negativ, wie sie in der allgemeinen Auffassung aktuell dargestellt werden. Wir wollen auf keinen Fall leugnen, dass es Verbesserungsbedarf gibt, besonders im Hinblick auf die Einschränkungen zur Sexualität eines Schauspielers und dessen Rolle. Aber dennoch sehen wir als DITS-Team auch die Bemühungen, die von den Amazon Studios unternommen wurden, um Produktionen künftig diverser und inklusiver zu gestalten und schätzen diese wert. Uns liegen Inklusion und Repräsentation schließlich sehr am Herzen, weshalb wir uns freuen, dass Amazon Studios zumindest den (gar nicht mal so schlechten) Versuch unternommen hat, einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Was haltet ihr von den Inklusionsrichtlinien? Könnt ihr unsere Argumentation nachvollziehen? Lasst uns doch gerne eure Meinung da, wir freuen uns auf den Austausch mit euch in den Kommentaren! 🙂

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